Tasse Milchkaffee zwischen grauen Wollsocken auf einem aufgeschlagenen Buch mit Herbstlaub

Was im Herbst aus deinem Kopf auszieht

Der Herbst ist da. Du kennst bestimmt die Listen, die aufzeigen, auf was wir uns im Herbst freuen dürfen. Kuscheldecke, Kerzen, Tee. Bunte Blätter, Kürbissuppe, Spaziergänge im Nebel. Jedes Jahr dieselben Punkte. Jedes Jahr dasselbe Foto: eine Tasse, daneben ein Fuß in Wollsocken.

Alles schön. Wirklich. Ich mag Kürbissuppe.

Aber auf keiner dieser Listen steht: „Endlich nicht mehr um halb sieben überlegen, ob ich jetzt lüften muss.“

Oder: „Endlich wieder einkaufen, wann ich will. Und nicht, wann das Thermometer es erlaubt.“

Oder: „Endlich wieder den Backofen anmachen, ohne vorher eine Risikoanalyse für die Raumtemperatur zu erstellen.“

Dabei passiert genau das. Leise, nebenbei. Während alle über Duftkerzen reden, räumt dein Kopf ein ganzes Regal frei. Und du merkst es nicht mal.

Genau darum geht es hier.

Strohhut, Sonnencreme und Sonnenbrille in praller Sonne, darüber der Schatten von Palmblättern

Die Liste, die niemand sieht

Im Sommer läuft bei vielen Frauen ein Programm im Hintergrund. Wie eine App, die du nie geöffnet hast und die trotzdem den Akku leer zieht.

Sie merkt sich, wann die Sonne ins Kinderzimmer knallt. Welche Rollläden wann runter müssen. Ob abends wirklich alle Fenster gecheckt sind.

Sie baut den Tag um die Hitze herum. Einkaufen früh. Spielplatz erst nach fünf. Sport? Mal sehen, ob sich irgendwo ein Fenster auftut. Die Wetter-App wird öfter geöffnet als die Nachrichten von Freundinnen.

Sie weiß, wo Schatten ist. Beim Bäcker, am Spielplatz, auf dem Parkplatz. Sie denkt vor jedem Ausflug an Sonnenhüte, Trinkflaschen, Sonnencreme, Wechselklamotten. Sie erinnert alle ans Eincremen. Und sagt gefühlt vierzig Mal am Tag: „Trink bitte noch was.“

Sie hat im Blick, dass der Joghurt nicht im Auto bleiben darf. Dass der Backofen heute besser aus bleibt. Wann die Wäsche trocknet, ohne dass man selbst dabei eingeht.

Sie überlegt morgens, was alle anziehen sollen, wenn es um acht 15 Grad sind und um drei 30. Sie entscheidet abends, ob Duschen sich noch lohnt, wenn die Kinder in einer Stunde eh wieder kleben.

Und dann die Pflanzen. Welche brauchen Wasser? Wie viel? Und regnet es morgen vielleicht doch?

Nichts davon ist schwer. Jedes Teil ist klein. Genau das ist der Trick. Keins davon fühlt sich an wie Arbeit. Zusammen sind sie ein Nebenjob, von dem niemand weiß. Manchmal nicht mal du selbst.

Warum das bei dir landet

Mental Load heißt: nicht nur tun, sondern dran denken. Planen, vorausahnen, im Blick behalten. Die Hitze-Liste ist Mental Load, wie er im Buche steht. Sie ist vorausschauend. Sie ist unsichtbar. Und sie fällt nur auf, wenn etwas schiefgeht. Wenn das Kind einen Sonnenbrand hat. Wenn die Wohnung um zehn Uhr abends noch 28 Grad hat.

Dass dieser Job so oft bei Frauen landet, ist kein Zufall und keine Frage von persönlicher Schwäche. Viele von uns sind mit dem Bild groß geworden, dass Fürsorge weiblich ist. Dass „an alles denken“ eine Form von Liebe ist. Wer das früh gelernt hat, übernimmt, bevor irgendwer fragen kann, wer eigentlich zuständig ist.

Und wem nützt es, dass diese Arbeit unsichtbar bleibt? Allen, die sie nicht machen müssen. Was niemand sieht, muss niemand teilen. Das gilt mit Partner, mit Partnerin. Und wenn du allein erziehst, ist da oft niemand, mit dem du überhaupt teilen könntest.

Dazu kommt: Die Sommer werden heißer. Hitzeschutz wird mehr. Und er wird selten Care-Arbeit genannt. Dabei ist er genau das.

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Und jetzt zurück zum Herbst.

Gemütliche Ecke am Fenster mit Zimmerpflanzen, draußen Regen und herbstlich gefärbte Bäume

Der Herbst nimmt dir etwas ab

Jetzt wird es kühler. Das Programm fährt runter. Nicht weil du etwas an dir geändert hast. Sondern weil das Wetter es tut.

Das Lüften passiert einfach. Der Backofen darf wieder an, wann er will, auch für Zimtschnecken um vier. Der Joghurt überlebt die Fahrt nach Hause. Die Frage „Was ziehen wir morgen an?“ hat wieder eine Antwort statt fünf. Und die Balkonpflanzen klären das mit dem Regen unter sich.

Vielleicht bist du im Oktober weniger erschöpft und weißt nicht warum. Vielleicht schiebst du es auf die Routine nach den Ferien. Oder denkst: „Ich hab mich wohl endlich wieder im Griff.“

Du warst nie aus dem Griff. Du hattest nur mehr zu tragen. Ein Teil davon ist jetzt weg.

Ehrlich gesagt: Der Herbst bringt seine eigene Liste mit. Matschhosen. Laternen. Erkältungssaft, der natürlich genau dann leer ist, wenn er gebraucht wird. Darum geht es heute nicht. Heute geht es um das, was geht.

Was das Wegfallen zeigt

Manchmal merkt man erst, wie schwer etwas war, wenn man es absetzt. Das ist keine Schwäche. Das ist Erkenntnis.

Wenn es diesen Herbst leiser wird in deinem Kopf, darfst du das ernst nehmen. Es heißt nicht, dass du im Sommer zu empfindlich warst. Es heißt, dass da wirklich etwas war. Arbeit. Deine Arbeit.

Und du musst mit dem freien Platz nichts anfangen. Kein neues Projekt, kein großer Herbstputz, keine Liste für den Winter. Leerer Raum im Kopf ist kein Leerstand, den man schnell vermieten muss.

Wenn du also morgens in der Küche stehst und nicht ans Lüften gedacht hast: Das ist kein Versagen. Das ist Feierabend. Für einen Teil deines Kopfes, der lange genug Dienst hatte.


Fällt dir noch etwas ein, das bei dir mit dem Herbst einfach wegfällt? Dann schreib es mir gern über meine Kontaktseite. Ich sammle alle Antworten und teile sie in einem der nächsten Newsletter, natürlich ohne Namen. Vielleicht entsteht so die Liste, die bisher keiner geschrieben hat. Und wenn du nur mitliest, ist das genauso in Ordnung.

Wenn du öfter lesen magst, was im Alltag mitläuft und selten einen Namen bekommt: In meinem Newsletter schreibe ich genau darüber. Ruhig, ehrlich, ohne neue To-do-Listen. Zum Newsletter